Zwei Jahre, zwei Orte – und ziemlich viel Leben dazwischen

Der ProbierLaden und der JEDI feiern ihr zweijähriges Bestehen. Bürgermeister Benjamin Koppe hat beide Orte im Rahmen von „Jena im Einsatz“ besucht. Ein Vormittag, der gezeigt hat: Digitalisierung braucht Technik. Aber vor allem braucht sie Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen.

Manchmal beginnt Digitalisierung mit einer ganz einfachen Frage: Wie bekomme ich meine Fotos vom alten auf das neue Handy? Manchmal mit der Sorge, beim Online-Banking etwas falsch zu machen. Und manchmal mit der Idee für ein neues digitales Geschäftsmodell, einem Workshop zu Künstlicher Intelligenz oder der Frage, wie Forschung schneller in die Anwendung kommt.

Nur wenige Gehminuten voneinander entfernt gibt es in Jena zwei Orte, an denen genau solche Fragen ihren Platz haben: den ProbierLaden am Engelplatz und den JEDI, Jena Digital Innovation Hub, im Postcarrée.

Beide sind im Rahmen des Smart City Projektes entstanden, der ProbierLaden sogar in Kooperation mit der Volkshochschule Jena. Beide gibt es inzwischen seit rund zwei Jahren. Und beide haben sich in dieser Zeit zu etwas entwickelt, das sich bei ihrer Eröffnung nur bedingt planen ließ: zu Orten, an die Menschen immer wieder gern zurückkommen.

Anlässlich ihres zweijährigen Bestehens besuchte Bürgermeister und Digitalisierungsdezernent Benjamin Koppe beide Einrichtungen im Rahmen seiner Reihe „Jena im Einsatz“. Der JEDI hatte bereits im August Geburtstag, der ProbierLaden wird am 26. September zwei Jahre alt.

Im ProbierLaden beginnt vieles mit einer Frage – und endet oft bei einem Gespräch

Im ProbierLaden stehen an diesem Vormittag keine Hochglanztechnologien im Mittelpunkt. Hier geht es um Dinge, die im Alltag ganz konkret werden: das Smartphone, eine App, ein Passwort, eine Überweisung, eine neue Funktion, die plötzlich anders aussieht als gestern.

Vor allem ältere Menschen nutzen das Angebot. Rund 79 Prozent der Besucherinnen und Besucher sind 66 Jahre oder älter. Sie kommen beispielsweise mit Fragen zu Smartphones, Apps, Datensicherheit, Online-Banking oder Computern. Aber auch Eltern und Kinder finden den Weg hierher – etwa wenn es um Mediennutzung, kindersichere Einstellungen oder andere medienpädagogische Themen geht. Und Künstliche Intelligenz? Längst kein Nischenthema mehr, sondern etwas, das inzwischen Generationen beschäftigt.

Vier Personen stehen im ProbierLaden und lächeln in die Kamera.

Im Rahmen von „Jena im Einsatz“ besuchte Bürgermeister und Digitalisierungsdezernent Benjamin Koppe den ProbierLaden am Engelplatz (v. l.): Sara Delinger, Projektkoordinatorin „ProbierLaden“, Kira, FSJlerin im digitalen Bereich des ProbierLadens, Dr. Angela Anding , Leiterin der Volkshochschule Jena sowie Benjamin Koppe

Doch wer den ProbierLaden nur als digitale Beratungsstelle beschreibt, erzählt nur die halbe Geschichte.

Denn zwischen PC-Café, Einstiegskurs und Informationsabend ist in den vergangenen zwei Jahren etwas entstanden, das sich nur schwer in Zahlen messen lässt: Begegnung.

Hier sitzt vielleicht ein ehemaliger Professor neben jemandem, der Bürgergeld bezieht. Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebenswegen kommen miteinander ins Gespräch, helfen sich gegenseitig oder diskutieren darüber, wie man Informationen im Netz bewertet, woran Fake News zu erkennen sind und was digitale Medien mit unserer Demokratie machen.

Kurz: Es menschelt – und zwar ziemlich.

„Als wir über das Konzept eines solchen ProbierLadens diskutiert haben, wussten wir natürlich, dass es einen Bedarf an Unterstützung bei digitalen Fragen gibt. Was wir damals nicht vorhersehen konnten, war, welche Bedeutung dieser Ort für viele Menschen einmal bekommen würde. Heute geht es hier längst nicht nur um Technik. Menschen kommen miteinander ins Gespräch, unterstützen sich gegenseitig und begegnen anderen, denen sie im Alltag vielleicht nie begegnet wären", so Dr. Angela Anding, Leiterin der Volkshochschule Jena.

Hier will niemand etwas verkaufen

Vielleicht liegt ein Teil des Erfolgs gerade darin, was der ProbierLaden nicht ist. Kein Elektronikmarkt. Kein Verkaufsraum. Kein Ort, an dem nach der Beratung ein Vertrag unterschrieben werden soll.

Die Angebote sind kostenfrei und hinter dem ProbierLaden stehen die Stadt Jena und die Volkshochschule Jena. Dieser kommunale Rahmen schafft Vertrauen.

„Viele Menschen kommen mit dem Gefühl: Hier darf ich fragen, ohne dass mir anschließend etwas verkauft werden soll. Dieser Vertrauensvorschuss ist enorm wichtig. Gleichzeitig hören wir immer wieder: Es ist schön, dass die Stadt ein solches Angebot für uns schafft und dass Beratung und Bildung kostenfrei zugänglich sind",  Sara Delinger, Projektkoordinatorin ProbierLaden

Dass das Konzept angenommen wird, lässt sich inzwischen auch ziemlich deutlich ablesen: Bis Anfang September wurden allein im ProbierLaden 6.979 Menschen erreicht. 5.474 davon nutzten eine individuelle 1-zu-1-Beratung, 1.505 nahmen an Kursen, Informationsabenden oder anderen Bildungsangeboten teil. Hinzu kommen 740 Menschen, die mit dem ProbierMobil erreicht wurden.

Das Programm ist entsprechend gewachsen: PC-Café, Einstiegskurse für Smartphone oder Computer, Informationsabende zu Datenschutz, KI oder Online-Ausweis und weitere Angebote, die je nach Nachfrage entstehen. Dabei arbeitet das Team unter anderem mit Verbraucherzentrale, Polizei, Bürgerdiensten und Medienbildnerinnen und Medienbildnern zusammen.

Für Bürgermeister Benjamin Koppe liegt genau darin eine besondere Stärke des Ortes: „Die hohe Nachfrage im ProbierLaden zeigt, dass es einen konkreten Bedarf an persönlicher Unterstützung bei digitalen Fragen gibt. Neue Geräte, Anwendungen und digitale Dienste entwickeln sich schnell und sind nicht für jeden gleichermaßen selbstverständlich. Umso wichtiger sind niedrigschwellige Angebote, bei denen Fragen gestellt und ganz praktische Hilfestellungen gegeben werden können.“

Ein paar Minuten weiter: gleiche Grundidee, völlig andere Atmosphäre

Der Weg vom ProbierLaden zum JEDI dauert nur wenige Minuten. Inhaltlich ist der Sprung größer.

Wo am Engelplatz jemand vielleicht zum ersten Mal eine App einrichtet, geht es im Postcarrée um Softwareentwicklung, Cybersecurity, Extended Reality, Künstliche Intelligenz, Forschungstransfer oder neue Geschäftsmodelle.

Und trotzdem verbindet beide Orte mehr, als es zunächst scheint. Auch der JEDI lebt davon, dass Menschen nicht nur Informationen konsumieren, sondern miteinander arbeiten, diskutieren, ausprobieren.

Rund 300 Veranstaltungen mit etwa 8.500 Teilnahmen haben hier seit der Eröffnung stattgefunden, im Durchschnitt etwa zwölf im Monat. Schülerinnen und Schüler, Studierende, Unternehmen, Start-ups, Wissenschaft, Verwaltung und Politik nutzen die Räume.

Vier Personen stehen vor einem Banner im JEDI und lächeln in die Kamera.

Anschließend besuchte Benjamin Koppe den JEDI im Postcarrée (v.l.): Georg Schmidinger, Netzwerkmanager de:hub, Dorothea Prell, Smart-City-Beauftragte und Gesamtprojektleiterin Smart City Jena, Domenique Dölz, Teilprojektleiter im Smart City Projekt und Clustermanager von Jena Digital e. V. sowie Benjamin Koppe

Dabei ist der JEDI bewusst kein klassischer Veranstaltungsraum mit starrer Bestuhlung und festem Programm. Mal Workshop, mal Meetup, mal Hackathon, Seminar oder Fachveranstaltung: Die Räume lassen sich flexibel anpassen und genau das macht sie für sehr unterschiedliche Gruppen interessant.

Noch wichtiger ist aber, was zwischen den Veranstaltungen passiert.

Aus einzelnen Terminen sind regelmäßige Fachgruppen geworden. Aus Besucherinnen und Besuchern eine Community. Und aus Begegnungen immer wieder neue Kontakte, Ideen und Kooperationen.

„Der JEDI funktioniert, weil hier sehr unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Manche besuchen eine Fachveranstaltung, andere ein Meetup, einen Hackathon oder ein Seminar. Aber häufig passiert das Spannende genau dazwischen: Man kommt miteinander ins Gespräch, lernt jemanden aus einem anderen Bereich kennen und plötzlich entsteht daraus eine neue Idee oder Zusammenarbeit. Dass wir die Räume so flexibel nutzen können, unterstützt genau diese Offenheit", erklärt Domenique Dölz, Teilprojektleiter im Smart City Projekt und Clustermanager von Jena Digital e. V.

Der Wert liegt auch im Dazwischen

Vielleicht lässt sich nach zwei Jahren genau darin die Verbindung zwischen ProbierLaden und JEDI erkennen.

Im ProbierLaden kann aus der Frage nach einer Smartphone-Einstellung ein Gespräch über Fake News werden. Im JEDI kann aus einem Meetup eine neue Kooperation entstehen.

Das eine lässt sich nicht immer in einer Statistik abbilden. Aber es ist ein wesentlicher Teil dessen, was beide Orte inzwischen ausmacht.

„ProbierLaden und JEDI zeigen sehr anschaulich, wie unterschiedlich die Zugänge zu Digitalisierung sein können“, sagt Dorothea Prell, Smart-City-Beauftragte und Gesamtprojektleiterin Smart City Jena. „Der eine Ort setzt bei ganz konkreten Fragen im Alltag an, der andere bei Bildung, Innovation und neuen Ideen. Beides gehört für uns zusammen: Digitalisierung muss verständlich und zugänglich sein, gleichzeitig aber auch Räume schaffen, in denen Neues entstehen kann.“

Und was passiert nach der Förderung?

Mit dem zweiten Geburtstag verändert sich zugleich der Blick auf beide Projekte. Aus der Frage Funktioniert die Idee? wird zunehmend die Frage: Was davon soll langfristig bleiben?

Die Erfahrungen aus zwei Jahren sind dafür eine wichtige Grundlage. Die hohe Nutzung, die gewachsenen Kooperationen und die wiederkehrenden Communities zeigen, dass beide Orte Bedarfe treffen. Diese Erfahrungen fließen bereits in die Überlegungen ein, welche Strukturen und Formate auch über die Projektlaufzeit hinaus Bestand haben können.

Benjamin Koppe formuliert das Ziel klar: „Die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass beide Angebote angenommen werden und einen konkreten Bedarf treffen. Unser Ziel ist deshalb, Perspektiven zu schaffen, damit erfolgreiche Strukturen wie der ProbierLaden und der JEDI auch über die Förderphase hinaus weitergeführt werden können. Daran arbeiten wir derzeit mit Nachdruck.“

Denn nach zwei Jahren ProbierLaden und JEDI lässt sich vielleicht eine Erkenntnis besonders gut mitnehmen: Digitalisierung braucht digitale Infrastruktur. Aber damit daraus etwas für die Menschen entsteht, braucht sie manchmal vor allem einen Tisch, ein paar Stühle – und einen Ort, an dem jemand sagt: Komm rein, frag einfach.